Volkswirtschaftliche Fakultät
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Professor Sinn wird Sechzig

Hans-Werner Sinn, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU und Präsident des ifo Institutes für Wirtschaftsforschung, wird am 7. März 2008 sechzig Jahre alt.

06.03.2008

Hans-Werner Sinn, Professor für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft an der Volkswirtschaftlichen Fakultät der Ludwig-Maximilians-Universität in München und Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung, wird am 7. März 2008 sechzig Jahre alt. Sinn gilt als einer der einflussreichsten und international renommiertesten Wirtschaftswissenschaftler Deutschlands.

Sinn ist Präsident des International Institute of Public Finance, des Weltverbandes der Finanzwissenschaftler (IIPF), und einer der wenigen deutschsprachigen Fellows des National Bureau of Economic Research in Cambridge, USA. Als bisher einziger deutschsprachiger Ökonom hielt er die Yrjö Jahnsson Lectures in Helsinki und die Tinbergen Lectures in Amsterdam, die unter Volkswirten zu den höchsten Auszeichnungen zählen. Er hat an der University of Western Ontario in Kanada unterrichtet und war als Gastforscher unter anderem an den Universitäten Stanford, Princeton, Bergen und Jerusalem sowie an der London School of Economics tätig. Sinn erhielt die Ehrendoktorwürde von der Universität Magdeburg und ist Honorarprofessor an der Universität Wien.

Seine akademische Laufbahn begann er 1967 mit dem Studium der Volkswirtschaftslehre in Münster, wo er stark von Herbert Timm geprägt wurde. Nach dem erfolgreichen Abschluss im Jahr 1972 wechselte Sinn mit Hans-Heinrich Nachtkamp nach Mannheim. Hier wurde er  1978 promoviert und 1983 habilitiert. Bereits 1984 folgte er einem Ruf an die Ludwig- Maximilians-Universität (LMU) in München, wo er den Lehrstuhl für Nationalökonomie und Finanzwissenschaft innehat.

Sinns Oeuvre umfasst finanzwissenschaftliche, konjunkturtheoretische, umweltökonomische und außenhandelsbezogene Themen, wobei ein gewisser Schwerpunkt auf den Problemen des längerfristigen wirtschaftlichen Wachstums liegt. Mit seinem Marktmodell des Wachstums hat er Pionierarbeit geleistet. Seine Habilschrift zur Kapitaleinkommensbesteuerung wurde ein Standardwerk. Im Gefolge der Diskussion um die Thesen des Club of Rome hat sich Sinn sehr intensiv mit der Theorie erschöpfbarer natürlicher Ressourcen beschäftigt, ein Thema, an das seine jüngste Forschung wieder anknüpft. Sinns wissenschaftliches Werk umfasst sieben große Monographien mit 32 Ausgaben in sechs Sprachen (ohne Herausgeberschaften), elf kleinere Monographien und 130 wissenschaftliche Aufsätze, wovon 80 in referierten internationalen Fachzeitschriften erschienen sind. Nach einer Studie von Ursprung und Zimmer steht Sinn, gemessen an der Zahl der wissenschaftlichen Zitierungen pro Autor, hinter Reinhard Selten an der zweiten Stelle unter Deutschlands Ökonomen.

Sinn hat sich in den letzten Jahren verstärkt der Analyse zeitnaher, politischer Themen zugewandt und dabei häufig einen prognostischen und warnenden Ansatz gewählt. In "Kaltstart" legte er 1991 gemeinsam mit seiner Frau Gerlinde als erster Ökonom eine umfassende Analyse der ökonomischen Aspekte der deutschen Vereinigung vor. Seine damals als zu pessimistisch angesehene Prognose einer langanhaltenden Wachstumsschwäche der neuen Bundesländer hat sich leider bewahrheitet. Weitsicht bewies er auch mit seinem Buch zu den Landesbanken (1997), in dem er die These aufstellte, dass der staatliche Schutz, den diese Banken genießen, zu einem allzu nachlässigen Umgang mit Kreditrisiken führt. Im Buch "The New Systems Competition" (2003) beschrieb er die Gefährdung des europäischen Sozialstaats und des internationalen Finanzsystems durch die Kräfte des System- und Steuerwettbewerbs. In einer Vielzahl von Aufsätzen hat Sinn seit den neunziger Jahren vor den Folgen der zu erwartenden Niedriglohnkonkurrenz aus den ehemals kommunistischen Ländern für die Kohärenz der deutschen Gesellschaft gewarnt. Seine Grundthese, dass die Globalisierung in Deutschland zu einer Verarmung breiter Bevölkerungskreise führen könne und deshalb energischer Gegenmaßnahmen des Sozialstaates in Form von Lohnzuschüssen und Investivlöhnen bedürfe, ist heute aktueller denn je.

Einer breiteren Öffentlichkeit wurde Sinn mit seiner Monographie "Ist Deutschland noch zu retten?" (2003) bekannt. Das Buch ist mittlerweile in elf deutschen, einer koreanischen und einer englischen Auflage erschienen. In der Ökonomie ist es das auflagenstärkste Werk aus dem Bereich der wissenschaftlichen Politikberatung, das in den letzten hundert Jahren auf Deutsch erschienen ist. In ihm widmet Sinn sich vorrangig den Strukturproblemen des deutschen Arbeitsmarktes und Sozialsystems, problematisiert aber auch die extrem niedrigen Geburtenzahlen, die Verdrängungsmigration in die Arbeitslosigkeit sowie verschiedene Fehlentwicklungen im europäischen Sozialrecht. Kurz darauf folgte ein weiteres Buch, "Die Basar-Ökonomie", in dem er vor den Folgen einer Überspezialisierung der deutschen Wirtschaft aufgrund starrer Lohnstrukturen und vor einer Missinterpretation der Exportziffern warnt.

Sinn gehört keiner politischen Partei an, wird aber von linken Kreisen häufig attackiert, weil er die dort populäre Grundthese vom Primat der Politik vor den Gesetzen der Marktwirtschaft in Frage stellt und eine Sozialpolitik fordert, die im Einklang mit diesen Gesetzen steht. Geradezu grotesk sind Aussagen, die ihn als neo-liberalen Ökonomen charakterisieren. Als Finanzwissenschaftler gehört Sinn ganz im Gegenteil jener Gruppe von Ökonomen an, die dem Staat eine wichtige Rolle bei der Bereitstellung öffentlicher Güter und der sozialen Sicherung zuweisen. Sinn geht es um einen Umbau und eine Effizienzverbesserung des Sozialstaates im Sinne dessen eigener Ziele, und nicht etwa um einen Abbau.

Auch im Wissenschaftsmanagement hat Sinn wichtige Aufgaben übernommen. 1991 gründete er das Center for Economic Studies (CES) an der LMU, ein Forschungsinstitut in der volkswirtschaftlichen Fakultät, das viele ausländische Gastforscher nach München holte und mit ihnen die Grundlagen des Münchner Graduiertenprogramms legte. Über verschiedene Leitungsfunktionen im Verein für Socialpolitik, den 1873 gegründeten Fachverband der deutschen Ökonomen, hat er wesentliche Beiträge zur Internationalisierung der deutschen Volkswirtschaftslehre geleistet. Seit dem 1. Februar 1999 ist Sinn Präsident des ifo Instituts für Wirtschaftsforschung. Er führte das Institut erfolgreich durch einen schwierigen Umstrukturierungsprozess. Die Evaluierung durch eine internationale Wissenschaftlerkommission der Leibniz-Gemeinschaft bestand das Institut im Jahr 2006 mit Bravour. CES und ifo Institut hat Sinn unter dem Namen CESifo zu einem internationalen Forschernetzwerk zusammen geführt, das heute eines der größten seiner Art in der Welt ist und München zu einer Drehscheibe der ökonomischen Forschung in Europa gemacht hat.

Sinn hatte mit seinen Arbeiten einen nicht unerheblichen Einfluss auf die Wirtschaftspolitik in Deutschland. Im Wissenschaftlichen Beirat beim Bundesministerium für Wirtschaft war er federführend beim Rentengutachten des Jahres 1998, in dem die Riester-Rente entwickelt wurde, und seine Arbeiten zur aktivierenden Sozialhilfe und zum Niedriglohnsektor vom Frühjahr des Jahres 2002 haben die Hartz-Kommission, den Wissenschaftlichen Beirat beim Wirtschaftsministerium und den Sachverständigenrat maßgeblich beeinflusst und so Einfluss auf die Agenda 2010 gewonnen. Die Zuschussregeln bei Hartz-IV und die Ein-Euro-Jobs gehen auf seine Vorschläge zurück. Sinns Vorschläge haben ferner erheblichen Niederschlag im Parteiprogramm der CDU/CSU gefunden, bei dessen Erstellung er beratend mitwirkte.

Sinn ist Träger des Bundesverdienstkreuzes und gehört keiner Partei an. Er ist verheiratet und hat drei Kinder.

Prof. Dr. Monika Schnitzer, Dekanin der volkswirtschaftlichen Fakultät der LMU München